Es spielen: Rima Haj Kheder, Judith Mann, Effi Rabsilber
„Schwarze Witwen“, „Gotteskriegerinnen“, „Bräute Allahs“ werden sie genannt – Selbstmordattentäterinnen in Tschetschenien – „Terroristinnen“, „Freiheitskämpferinnen“ – Frauen die sich einen Sprengstoffgürtel umschnallen, um sich und andere in die Luft zu sprengen. Sie platzieren Bomben, werden fern gezündet oder lösen selbst aus. Sie nehmen Geiseln und werden bei diesen Geiselnahmen getötet. Sie sind Täterinnen und Opfer in einer Person.
Worum geht es eigentlich in diesem Krieg, der scheinbar weit weg und doch so nah ist? Wie viel können und wollen wir über dieses Thema erfahren? Welche Bilder haben wir von diesen Selbstmordattentäterinnen und inwieweit ist es uns möglich ihren kulturellen Kontext zu erfassen?
Das Stück entsteht aus einer Sammlung unterschiedlichsten Textquellen und persönlich sehr berührenden Gesprächen und Begegnungen. Das Stück blendet die Schwierigkeiten, die Verunsicherung in der Annäherung an dieses schwierige Thema nicht aus, sondern integriert diesen Prozess und befindet sich so bewusst im Spannungsfeld zwischen tschetschenischen Lebensgeschichten, medialer Berichterstattung und persönlicher Suche.
Nach der Inszenierung von „Frauen.Krieg.Lustspiel“ von Thomas Brasch setzt die Regisseurin und bildende Künstlerin Susanne Husemann ihre Arbeit mit einer Uraufführung zum Thema Selbstmordattentäterinnen in Tschetschenien unter dem Titel „Frauen.Krieg.Terror“ fort. Nach einer szenischen Lesung im Kulturkaufhaus Dussman am 10. Mai in Anwesenheit der russischen Autorin des Buches „Die Bräute Allahs“ und nach einem ersten szenischen Entwurf im Rahmen der Ausstellung „Der Freie Wille“ am 18. Juni 2005, wird am 5. Oktober die Uraufführung der Bühnenfassung unter dem Titel „Frauen.Krieg.Terror“ stattfinden.
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Kritiken
uniradio/ Kritik von Anja Ziem
Mittwochabend premierte Susanne Husemann mit ihrem neuen Stück „Frauen. Krieg. Terror.“ Auch diesmal widmete sich die Regisseurin wieder einem heiklen Thema: „Selbstmordattentäterinnen in Tschetschenien.“ „Terroristinnen“ werden sie im Volksmund genannt oder „Schwarze Witwen“. Wie geht man an eine Thematik heran, die aufgrund der Grausamkeit der Taten, die sich dabei meist auch noch gegen Zivilisten richtet, mit so viel Emotionen beladen ist? Das Stück findet den perfekten Einstieg. Noch während die Zuschauer sich fragen, wo sie sich denn hinsetzen sollen, befinden sie sich bereits inmitten einer Diskussion. Aha, diese drei Frauen, die da debattieren über die Filterung von Informationen durch die Medien, über die Bedeutung von Politik in der Informationsweitergabe, diese Frauen sind die Darsteller. Sie werfen die tragenden Fragen des Stückes auf: Welche Wahrheit ist die richtige? Was wissen wir über ein Thema, das scheinbar fern unserer Realität ist und, vielleicht die wichtigere Frage: Was wollen wir wissen über diesen Konflikt? Reichen nicht die Halbwahrheiten aus, möchten wir überhaupt verstehen, was in diesen Frauen vorgeht, die ihr Leben auf so brutale Weise opfern? Die Schauspielerinnen schlüpfen abwechselnd in die Rolle der Außenbetrachter und in die der Betroffenen. Die tschetschenische Frau versucht die Gründe für ihr Handeln darzulegen. Lebensgeschichten werden erzählt von Familien, die von russischen Soldaten auseinander gerissen worden. Tschetschenische Männer, die unter fadenscheinigen Gründen entführt werden und fassungslose Frauen hinterlassen. Allmählich nimmt der Besucher wahr, nein, so einfach ist das nicht. Hinter den Selbstmorden steht nicht bloßer Fanatismus, da muss noch etwas anderes sein. Susanne Husemann führt unsentimental heran an Aspekte, die oft im Verborgenen bleiben. Und doch taucht zwischen all dem das Unverständnis auf: Warum töten sie Zivilisten, fragt eine der Frauen die Tschetschenin. Das Stück beleuchtet alle Perspektiven, von denen aus man die Geschichte betrachten kann. Die Expertin kommt ebenso zu Wort, wie das naive Mädchen, das einfach nur Frieden will und nicht versteht, warum die sich nicht einfach vertragen können. Das alles wird inszeniert in der sterilen Atmosphäre einer ehemaligen Bank. Die Kargheit der Räume gilt es zu füllen, eine schwierige Aufgabe. Susanne Husemann hat trotzdem oder gerade deswegen fast völlig auf ein Bühnenbild verzichtet. Sie hat auf die Leistung der Schauspielerinnen gesetzt und spätestens als Judith Mann zum Schluss ein russisches Lied über Grosny anstimmt, wird klar, sie hat auf die richtige Karte gewettet. Ab und zu besteht die Gefahr, den Überblick zu verlieren in dem Wechsel der Rollen und der Fülle der Worte. Dieses Stück ist politisch, es macht nachdenklich und das soll es auch. (Uni Radio)
Deutschlandfunk Corso Sendung am: 5.10.2005 Autor: Oliver Kranz
Donnerstag, 13. Oktober2005 MOZ Kultur Eigener Blick auf den Terror Stück über Selbstmordattentäterinnen in der AktionsBank Berlin Von PETRA SCHMIDT-WIEORG
Berlin. Im Raum sind locker in einem Halbkreis flache Podeste verteilt, und während man noch dabei ist, sich einen Sitzplatz zu suchen, geht es schon hin und her über die zwei verwickelten Kriege gegen Russland, über parteiliche deutsche Fernsehanstalten ... Drei junge Frauen diskutieren bei laufendem Fernseher; ihre Ratlosigkeit ist ebenso groß wie ihr Interesse. Wo die einen reden oder sich informieren, schreiten die anderen zur Tat. Durch die tschetschenischen Selbstmordattentäterinnen soll das Volk und seine Situation Aufmerksamkeit finden. Und wirklich gibt es in den westlichen Medien immer wieder ein wenig von dem seltenen Platz. In Ausnahmefällen gelangt ein Bericht sogar auf die Bestsellerliste, so „Allahs Bräute“ von der russischen Journalistin Julia Jusik. Auch „Frauen.Krieg.Terror“ stützt sich auf dieses Buch. Kein Wunder, es gibt ja kaum Texte, die Vorarbeiten sind zu gefährlich. Jusik wurde vom Föderalen Sicherheitsdienst, Nachfolger des KGB, behindert, schließlich inhaftiert. In Russland ist ihr Buch verboten. Für ihre eigenen Recherchen haben die Regisseurin Susanne Husemann und die Dramaturgin Katja Kettner denn auch nicht den Weg ins Land gewählt. Sie haben in Deutschland politische Vereine aufgesucht, Auslandskorrespondenten getroffen, mit Flüchtlingen gesprochen. Heraus gekommen ist eine ausgesprochen klug durchdachte und bei aller Ernsthaftigkeit in der Sache auch stellenweise sehr ironisch-witzige Textfassung. Von einem kruden Realismus, der Täter und Opfer in volles Theaterblut taucht, oder einer hilflosen Betroffenheit, die die beherzte Auseinandersetzung scheut, gibt es keine Spur. Das Stück schreitet in Sprüngen voran. Teils hört man Effi Rabsilber als kaffeetrinkender Konsumentin zu, die irgendwo in Europa skeptisch ihren Gedanken nachhängt, teils beobachtet man eine eher wackere, denn bissige Journalistin (Judith Mann), teils staunt man über eine junge Tschetschenin, die von ihrem verpatzten Attentat erzählt (vordergründig rational überlegt, untergründig missionarisch, wunderbar zum Abschluss auf Russisch singend: Rima Haj Kheder). Keine von ihnen kennt die Wahrheit. Die verschieden wahrgenommene Wirklichkeit wird in „Frauen.Krieg.Terror“ künstlerisch konstruiert. Dabei beschränkt sich der Blick auf die individuelle Perspektive, die gesellschaftliche Ebene reduziert sich eher auf Stichworte. Die Möglichkeiten des Veranstaltungsortes, der „AktionsBank“ in Berlin-Mitte, hat Husemann dabei gut genutzt. Geschickt führt sie die Schauspielerinnen in verschiedene Einbuchtungen des Raumes, dem ohnehin ein Zentrum fehlt, da ein großer Stützpfeiler in der Mitte steht. Die Textsprünge überbrückt stellenweise Livemusik (Antonio Palesano); tschetschenische Wirklichkeit hält Einzug zum Beispiel über Filmaufnahmen von einem über einer Stadt kreisenden Militärhubschrauber. Die insgesamt multimediale künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema der Selbstmordattentäterinnen gehört zum Konzept der „AktionsBank“ — und in diesem Fall schlägt dies unbedingt als Gewinn zu Buche.